Bericht Häftling

Am 15. Mai 1939 wurde in Ravensbrück ein Konzentrationslager (KZ) für Frauen errichtet, das sich 90 Kilometer nördlich von Berlin befand.

In diesem wurden Frauen, wie auch ich*, eingeliefert: Solche, die sich der „Volksgemeinschaft" nicht anpassten, nicht den Nürnberger Rassengesetzen nachgingen oder die eine andere politische Einstellung hatten, natürlich auch die von uns, die sich am Widerstand gegen das NS-System beteiligten. Unsere Wächterinnen, die zum Teil jünger oder so alt waren wie wir, wurden an uns ausgebildet, um später in anderen Konzentrationslagern Wache halten zu können.

Buber-Neumann *Ich heiße Margarete Buber-Neumann und bin heute 109 Jahre alt. Gestorben bin ich am 6. November 1989, und wie auch die anderen war ich in Ravensbrück inhaftiert. 1926 bin ich der Kommunistischen Partei beigetreten und habe ab 1933-1935  während meines Exils in der Schweiz und in Spanien als Journalistin gearbeitet. 1940 wurde ich mit 13 weiteren Antifaschistinnen ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Ich wurde Schreiberin der Oberaufseherin Langefeld und blieb bis zu meiner Befreiung im Lager.

Bei den rund 1.000 Frauen der als erstes Inhaftierten handelte es sich hauptsächlich um Bibelforscherinnen sowie Sinti und Roma mit ihren Kindern. Nach dem deutschen Überfall auf Polen vom 1. September 1939 wurden die ersten polnischen Häftlinge in Ravensbrück eingeliefert. Wenige Monate nach Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion trafen im Oktober 1941 die Transporte mit weiblichen Kriegsgefangenen der Roten Armee, in der Hauptsache Ärztinnen, Krankenschwestern und Nachrichtenhelferinnen, ein.

Die sogenannte Schutzstaffel (SS) ließ im April 1941 weitere Baracken, einen "Industriehof" mit Produktionsstätten und 20 Werkhallen des Elektrokonzerns Siemens & Halske neben dem Lagergelände bauen, in denen die Frauen ab 1942 insbesondere zur Kriegsproduktion herangezogen wurden. Sie mussten unter Zwangsarbeit in Munitionsfabriken und elektrotechnischen Betrieben für Waffenteile dienen.

Ab 1942 begannen SS-Ärzte in Ravensbrück mit medizinischen Experimenten. Sie infizierten die Häftlinge mit Bakterien, operierten Gesunde zur Überprüfung unerprobter Heilmethoden und führten Zwangssterilisierungen sowie Unterkühlungsversuche durch. Anfang 1945 wurde in Ravensbrück sogar eine Gaskammer in Betrieb genommen, in der bis zur Befreiung des Lagers 5.000 bis 6.000 Häftlinge umgebracht wurden.  In den letzten Kriegsmonaten wurde Ravensbrück völlig überbelegt. Ansteckende Seuchen wie Typhus und Diphtherie brachen aus, ungenügende Ernährung und katastrophale sanitäre Verhältnisse führten zum Tod vieler Häftlinge. Von über 800 Säuglingen, die zwischen 1943 und 1945 im Lager auf die Welt kamen, starben die meisten innerhalb weniger Tage.

Mehr als 10.000 Häftlinge trieb die SS am 27. April auf einen "Todesmarsch" in nordwestliche Richtung. Als die Rote Armee am 30. April 1945 das Lager befreite, traf sie nur noch ca. 3.500 Kranke und Kinder an, die zu schwach für den "Evakuierungsmarsch" gewesen waren.

Zwischen 1939 bis 1945 sind im KZ Ravensbrück etwa 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.000 weibliche Jugendliche des "Jugendschutzlagers Uckermark" als Häftlinge registriert worden. Von den Häftlingen, die aus über 20 Nationen - in der Mehrzahl aus Polen und der Sowjetunion - stammten, überlebten 20.000-30.000 das Lager nicht.

Heute ist das ehemalige Gelände eine "nationale Mahn- und Gedenkstätte".