Buchenwald 2010

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Vom 12. bis zum 15. März 2010 führten wir an der Europäischen Jugendbegegnungsstätte in Weimar zum zweiten Mal das Seminar "Stätten deutscher Geschichte: Buchenwald und Weimar" durch, das von insgesamt 53 Teilnehmenden besucht wurde, die meisten davon SchülerInnen der Philipp-Reis-Schule in Friedrichsdorf. In fünf Kleingruppen setzten sich die Jugendlichen im Alter ab 16 Jahren mit verschiedenen Aspekten der Thematik auseinander: mit dem Lebensalltag und dem Widerstand Jugendlicher im Dritten Reich, mit dem Prozeß der Aufhebung von Grundrechten nach 1933 sowie der Situation von Mädchen und Frauen in dieser Zeit. Die vierte Kleingruppe beschäftigte sich im Rahmen einer Spurensuche mit dem Verlauf des Nationalsozialismus in der Stadt Weimar. Die fünfte AG setzte den Schwerpunkt auf die Dokumentation des Gedenkstättenbesuchs in Buchenwald und gibt die Eindrücke von Menschen aus mehreren Generationen vor und nach dem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager wider. Wir begreifen die Veranstaltung als Modell einer auf Dauer angelegten Zusammenarbeit zwischen Schule und außerschulischer Bildungseinrichtung, in der es insbesondere um die Frage steht, warum auch 65 Jahre nach Kriegsende noch Gedenkstättenfahrten zentraler Bestandteil der politischen Bildung und damit der Erziehung zur Demokratie sind und sein sollen.

Als Kooperationspartner war die EJBW in Weimar beteiligt. Das Seminar wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sowie dem Förderverein der Philipp-Reis-Schule in Friedrichsdorf unterstützt. Die Ergebnisse der Kleingruppen sind hier dokumentiert.

Bericht AG „Frauen im NS“

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Der Arbeitsgruppenprozess begann mit einer Positionierungsübung („Ja-Nein") zum Kennenlernen. Die Übung wurde durch Fragen wie „Ich haben mich auch außerhalb der Schule schon mit dem NS beschäftigt" erweitert, womit ein Einstieg ins Thema stattfand. Danach folgte die Klärung des strukturellen Ablaufs der Gruppenarbeit und der technischen Möglichkeiten von Recherche und Produktion.

Die Teilnehmenden, 7 Mädchen und zwei Jungen, wurden nach Erwartungen und Interessen am Gedenkstättenbesuch und an der inhaltlichen Arbeit in der AG befragt. Die Jugendlichen brachten eine Reihe eigener Fragestellungen und Themenvorschläge vor wie z.B. Jüdinnen, Täterinnen, Frauen der Nazifunktionäre, Sexualität/ Homosexualität im NS, Frauenlager und Frauen im Widerstand. Auf die Anregung der Referentin hin einigte sich die Gruppe darauf, zu Beginn der Arbeit am Produkt eine gemeinsame Grundlage zu schaffen und sich in der Gesamtgruppe mit dem nationalsozialistischen Frauenideal auseinander zu setzen.

Die Erwartungen an den Gedenkstättenbesuch waren weniger inhaltlicher als viel mehr emotionaler Art und eher diffus. Zur Vorbereitung auf die Exkursion wurden die TeilnehmerInnen über die Gegebenheiten vor Ort und die historischen Basics durch die Referentin informiert. Das Interesse der Jugendlichen an der NS-Geschichte zeigte sich sowohl in dieser Einführungseinheit als auch während der Exkursion und in der folgenden Produktionsphase u.a. dadurch, dass die Jugendlichen die Referentin geradezu mit Fragen „löcherten".

In Kleingruppen à zwei bis drei TeilnehmerInnen beschäftigten sie sich in den folgenden anderthalb Tagen selbständig mit den Teilaspekten des Themas anhand des zur Verfügung gestellten Materials, des Internets und in Diskussionen. Ihre Erkenntnisse und Ergebnisse formulierten die Jugendlichen schriftlich und gestalteten die Texte mit Fotos. Alle entstanden Texte wurden in der Gesamtgruppe vorgestellt und diskutiert. Für die Rückkopplung der bearbeiteten historischen Situation an die Lebenswelt der TeilnehmerInnen wurde eine weitere Positionierungsübung durchgeführt, bei der die Jugendlichen zu vorgegebenen Statements (wie „Frauen und Männer sind gleichberechtigt" oder „Wer nichts leistet, hat nichts verdient") auf einer Zustimmungsskala von eins bis zehn Stellung beziehen sollten. Auf Nachfrage wurden die Positionen erläutert und diskutiert.

Einige der TeilnehmerInnen hatten zunächst Schwierigkeiten mit der relativ freien Gestaltung von Inhalt, Ablauf und Form der Gruppenarbeit, brachten sich aber zunehmend aktiv ein und nutzen das Angebot intensiv.

AG Jugendliche im Dritten Reich

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Warum durfte man als Jugendlicher im "Dritten Reich" keinen Swing hören? Was stand im "Giftpilz"? Warum gab es  KZs für Jugendliche? Und warum gab es in der Hitlerjugend so viele Todesfälle? Mit welchen Konsequenzen konnte es verbunden sein, nicht für den Führer marschieren zu wollen oder gar als Jude, Sinti, Roma, generell als "Anderer" verfolgt zu sein? Die Frage, wie das Leben von Kindern und Jugendlichen während der NS-Herrrschaft aussah, war Thema des Workshops. Mit zahlreichen Bildern, Filmen, Musikbeispielen, Zeitzeugenaussagen wurde erkundet, was Alltag in Schule, Freizeit und HJ in den Jahren 1933-1945 bedeutete.

AG Grundrechte

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Im Workshop "Grundrechte und ihre Aufhebung im Nationalsozialismus" haben wir uns zunächst mit der Ideologie des Nationalsozialismus beschäftigt und uns angesehen, wie damals Menschen aufgrund ihrer politischen Einstellung, ihrer Religion, ihrer "Rasse", ihrer Herkunft oder sexuellen Idenität in Gruppen eingeteilt, gekennzeichnet (Winkelkennzeichen des KZ Systems) und verfolgt wurden. In einem zweiten Schritt haben wir uns mit dem Grundgesetz beschäftigt und nachvollzogen, wie sehr es eine Reaktion auf das in der nationalsozialistischen Diktatur Erlebte ist. Über den Artikel 3 des Grundgesetzes sind wir dann zum Thema Diskriminierung gekommen und haben uns schließlich damit beschäftigt, inwiefern auch heute noch Gruppen gesellschaftlich oder staatlich/strukturell benachteiligt werden. In Arbeitsgruppen haben wir uns dann mit ausgewählten Gruppen (Frauen, Behinderte, Ausländer, Andersfarbige,...) näher beschäftigt, um zu verstehen, wo genau sie heute benachteiligt sind.

AG Nationalsozialismus in der Stadt Weimar – eine Spurensuche

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Für den Wiederaufbau der NSDAP nach dem Münchener Putschversuch der Nationalsozialisten wurde Weimar sehr bedeutend. Der Thüringer Landtag hob das Redeverbot für Adolf Hitler auf, ab 1925 bereitete das Weimarer Bürgertum Hitler frenetische Empfänge, über 35 mal besuchte er die Klassikerstadt. Im "Mustergau" Thüringen wurden die Weichen für die parlamentarische Übernahme der Macht im Deutschen Reich gestellt und 1937 eines der größten Konzentrationslager in unmittelbarer Nähe der "Gauhauptstadt" Weimar aufgebaut. Unsere 12-köpfige Arbeitsgruppe hat sich neben einem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald mit fünf durch die Nationalsozialisten geprägte Orte in Weimar beschäftigt. Neben der "praktischen" Erkundung dieser Orte wurde intensiv mit historischen Dokumenten, Texten und Bildern gearbeitet. Im Ergebnis konnten sechs Ausstellungstafeln zu den Themen Propaganda ("Hotel Elephant"), Macht ("Gauforum"), Verfolgung (ehemalige Gestapo-Leitzentrale im "Marstall") "Arisierung" (die früheren, sogenannt jüdischen Kaufhäuser "Hermann Tietz" und "Sachs & Berlowitz") sowie zur Gettoisierung und Deportation der Weimarer Juden (damalige "Ghettohäuser" in der  Belvederer Allee und am Brühl) gestaltet werden. Zusätzlich zu diesen geplanten Arbeiten dokumentierten die TeilnehmerInnen ihre Eindrücke über den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald auf einer Ausstellungstafel.

AG Dokumentation

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Die Dokumentationsgruppe legte ihren Schwerpunkt auf die visuelle Erkundung der Gedenkstätte Buchenwald. Sowohl mit den Filmbildern aus Buchenwald als auch über eine Auswahl von Interviews versuchten wir, unsere Emotionen und Meinungen in einem achtminütigen Kurzfilm auszudrücken. In Interviews, die in Weimar und vor Ort in Buchenwald stattfanden, stellten wir Fragen über den Nationalsozialismus, die sich aus unseren Diskussionen ergaben. Zum Beispiel: "Tragen wir heute noch Schuld an den Verbrechen der Nazis?" oder "Woher kommt der Judenhass?" Damit der Film intensiver wirkte, suchten wir sehr lange nach passender Musik und haben uns schließlich für die feinfühlig klassische Variante entschieden. Auch hat es sehr lange gedauert, sich in der Gruppe darauf zu einigen, welche Meinungen man aus den Interviews herausgreift.

Um dem Film schließlich einen persönlichen Rahmen zu geben, fragten wir unsere Mitschüler nach ihren Erwartungen an den Gedenkstättenbesuch und danach auf der Rückfahrt, ob und inwieweit diese eingetroffen waren. Dabei gab es auch Antworten, über die noch viel länger zu diskutieren wäre, als wir in den vier Tagen Zeit hatten.