Die Kleine Festung

AUS DEM TAGEBUCH EINES JUDEN – von Alfred Deutschkron

Die Kleine Festung:

DSCF1140Der Hass uns Juden gegenüber bestand schon lange. Aber schließlich wurde ich in einer kleinen Gruppe von Juden von Dresden aus in das tschechische Judenghetto Theresienstadt deportiert. Das war im Jahre 1942. Die Regeln dort waren strikt einzuhalten, jeder Verstoß hatte schwerwiegende Folgen. So kam es, dass ich und mein Freund Joseph eines Abends im November 1944 beim nächtlichen Rauchen außerhalb der Kaserne ertappt wurden. Dieser Verstoß brachte uns eine Umsiedlung in die „kleine Festung“, einen Kilometer von Theresienstadt ein. Noch am selben Abend machten wir uns in der Mangel eines Soldatentrupps auf den Weg zur besagten Festung. Diese war ein ehemaliges Militärgefängnis und wurde seit einigen Jahren auch zum Einsperren von sog. „Staatsfeinden“ und Juden umfunktioniert. Als wir das große Tor passierten, wurden wir direkt in den 1. Hof geführt, wo wir mit anderen Neuankömmlingen zunächst mit dem Gesicht zur Wand aufgestellt wurden. In einer viel zu lauten Tonlage wurde uns befohlen zu warten. Wir warteten 6 Stunden. Beim Morgengrauen führte uns der Hauptkommandeur in den Umkleideraum, wo wir alle unsere Sachen ausziehen und abgeben mussten. Dafür erhielten wir eine Häftlingsuniform, eine Decke, eine Schüssel und einen Löffel. Danach erklärte man uns die Essens- und Arbeitszeiten, und wir wurden unseren Zellen zugeteilt. Joseph und ich wurden mit ein paar weiteren in die sog. „Judenzelle“ eingeteilt, welche komplett überfüllt war: 18 m² für 90 Leute. Ein Eimer für die Notdurft. Die hygienischen Zustände waren katastrophal. Die Ansteckungsgefahr bei Krankheiten erschreckend hoch. Besonders, da man nur einmal pro Woche duschen konnte und die Kleidung ausgekocht wurde. Das war jeden Samstag - für drei Minuten. Das klingt alles

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sehr schlimm, aber ich sollte lernen, dass es noch weitaus schlimmer werden konnte. Nach einem nicht enden wollenden Arbeitstag kamen auf einmal SS-Offiziere in unsere Zelle, um unsere Sachen zu durchsuchen. Am Morgen waren zwei Laiber Brot zuviel entwendet worden, und nun suchte man den Verantwortlichen. Merkwürdigerweise fand man die Brote in meinen Sachen wieder. Später sollte ich erfahren, dass der ehem. Unteroffizier Tjaden dafür verantwortlich war, da dieser mit den uns zugeteilten Tagesrationen unzufrieden war, sich im letzten Moment allerdings umentschied und mir die Brote unterschob - aus Angst, erwischt und bestraft zur werden. Und so wurde ich in die gefürchtete Dunkelkammer gesteckt. Dies sollten die schlimmsten Stunden meines Lebens werden. Es war kalt, feucht und so dunkel, dass man jegliches Zeitgefühl verlor und nichts anderes mehr tun konnte, als zu beten. Mehr als je zuvor lernte ich das Zwitschern der Vögel, die jeden Morgen auf dem Stacheldrahtzaun saßen, zu schätzen. Insgesamt drei Tage verbrachte ich in der Zelle.

In den folgenden Monaten ereignete sich nicht viel. Ich aß, ich arbeitete, und ich schlief. Doch mir fiel

DSCF1148auf, wie sehr sich mir etwas so Vertrautes  zu verändern begann. Mein Freund Joseph fing an, mit den Wachen zu verhandeln. Erst ging es nur um eine halbe Tasse echten Kaffee am Morgen. Doch nach und nach war er nicht mehr er selbst. Als zwei Insassen einen vermeidlichen Fluchtplan während der gemeinsamen Dusche besprachen – eine bloße Idee –, teilte er dies den Wachen mit. Mit sofortiger Wirkung wurden die Insassen exekutiert. Nach der Mitteilung besagter Information fand sich allerdings auch Joseph selbst auf dem Exekutierplatz wieder. Die Wachen sahen keinen Nutzen mehr in ihm. Sein böses Spiel brachte ihn um die Freiheit. Denn nur vier Wochen später wurde die kleine Festung von der Roten Armee befreit.

Ich ging wieder zurück nach Dresden, ausgelaugt und von meinem sechsmonatigem Aufenthalt in der Festung zerstört. Jedoch hat mich der Krieg einiges gelehrt. Ich habe kein definiertes Menschenbild, jedoch habe ich gelernt zu erkennen, dass sich Menschen, besonders in kurzer Zeit, sehr verändern können. Der Grat zwischen gerecht und ungerecht, gut und böse, ist sehr, sehr schmal.

Leonie Au, Viktoria Schuller