Vorbemerkung:
In¬†dieser Rubrik m√∂chte ich (Heinz) Texte zur Geschichte der basa einstellen. √úber die ersten 10 Jahre gibt es einen sch√∂nen Bericht, den ich √ľberarbeitet habe und hier gek√ľrzt einstelle. Diesen Text hat Diethelm Damm Anfang der 90er Jahre¬†f√ľr ein Buch verfasst; er ist auch als Brosch√ľre „Ein traumhaftes Haus f√ľr uns alle…“ von uns ver√∂ffentlicht worden.

Im Sommer 2009 feierten wir die von uns so genannte 125-Jahr-Feier. Denn 2009 war es 100 Jahre her, dass das Haus, die Alte Schule eingeweiht worden war; und es war 25 Jahre her, dass wir unseren Verein gr√ľndeten, der heute basa e.V. hei√üt und als Tr√§ger der Bildungsst√§tte fungiert; wir hatten uns entschlossen, unsere Jubil√§en immer am Datum der Vereinsgr√ľndung zu orientieren und so zuletzt 2014 die 30 Jahre basa begangen (n√§chstes Jahr, 2019, w√§re eine 35-Jahr-Feier dran, wenn man dies denn feiern will…).

Die Bildungsst√§tte ist aber schon etwas √§lter, denn das Haus wurde am 1.1.1981 von der Gemeinde an den Landesverband Hessen des¬†BDP √ľbergeben (der somit der Vertragspartner der Gemeinde bzw. Stadt ist; vom BDP Hessen aus wurde der basa e.V. mit dem Betrieb der Bildungsst√§tte mittels eines √úberlassungsvertrags beauftragt).

Wie das alles kam, schildert Diethelm in seinem Bericht:

 

Erste Ideen

Anfangs war es mehr eine launige Idee: 1979 fragte ein Vertreter des Neu-Anspacher Jugendzentrums im BDP-Landesb√ľro an, wie verhindert werden k√∂nne, dass das Jugendzentrum seine gem√ľtlichen R√§ume im Keller der alten Schule gegen einen „Betonsilo“ im neuen B√ľrgerhaus eintauschen m√ľsse. Denn die vier Ortsteile umfassende und damals ca. 10.000 Einwohner z√§hlende Gro√ügemeinde Neu-Anspach, etwa 35 km von Frankfurt entfernt im Taunus gelegen, wolle die langsam verfallende Schule im Ortsteil Anspach loswerden. Der hessische BDP Landesverband, nach einer Abspaltung der traditionellen Pfadfindergruppen seit Mitte der siebziger Jahre auch Koordinations- und Unterst√ľtzungsinstitution f√ľr etwa 150 Jugendzentrumsinitiativen in Hessen (vgl. Damm/Mekelburg 1981) hatte Erfahrung mit solcherlei Problemen. Die BDP-Mitarbeiter empfahlen, die Schule in ein mit dem Jugendzentrum verkn√ľpftes Tagungshaus umzuwandeln. Dieser Vorschlag gefiel zwar den Jugendzentrums-Aktiven. Allerdings f√ľhlten sie sich selbst dazu nicht in der Lage. „Dann machen wir’s eben“, meinte einer, als das Problem im BDP-Landesvorstand er√∂rtert wurde. Ein genialer Einfall, verf√ľgte der BDP doch weder √ľber nennenswerte Eigenmittel noch √ľber einen Erwachsenenverband, der solche zur Verf√ľgung stellen konnte; weder √ľber Leute, die f√ľr ein Projekt dieser Gr√∂√üenordnung gen√ľgend Zeit und Ahnung hatten, noch √ľber Gruppen in Anspach…

Andererseits hatten seit einiger Zeit mehrere BDP-Aktive von einer weiteren Bildungsst√§tte getr√§umt – als M√∂glichkeit, Bildungsarbeit anders als herk√∂mmlich betreiben zu k√∂nnen, Raum f√ľr √∂rtliche Jugendarbeit zu schaffen, dort selbstbestimmt arbeiten und leben, „aufs Land ziehen und dort politisch arbeiten zu k√∂nnen…‚Äú

Die Träume behielten die Oberhand, zumal zunächst niemand daran glaubte, dass ein BDP-Angebot ernsthafte Chancen haben wurde. So erklärte der Landesverband der Gemeinde seine Bereitschaft, die alte Schule zu einem symbolischen Preis zu kaufen und zu einer verbandlichen Bildungsstätte umzubauen. Das Jugendzentrum sollte in seinen Räumlichkeiten verbleiben und in das Bildungstättenkonzept einbezogen werden.

„Hei, war das auf einmal eine aufgelockerte Stimmung bei unseren Gemeinder√§ten, als wir den Brief verlasen… Die Schlitzohren wollen eine Jugendbildungsst√§tte und ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, ohne einen Pfennig daf√ľr zu bezahlen!?“ (Jugendzentrums-Info, Juli 1979). Der Gemeindevorstand bekundete Interesse. Nun wurde es ernst. Es bestand Handlungs- und Verhandlungsbedarf: Den BDP-Mitarbeitern stellte sich die Frage „Wollen und vor allem k√∂nnen wir das Projekt wirklich realisieren?“ und: „Wer macht’s?“ Die Schule mit einer Nutzfl√§che von 860 qm, 4000 cbm umbauten Raums, 4 gro√üen Klassenr√§umen, 2 Stockwerken mit ehemaligen Lehrerwohnungen, riesigem Boden und Keller, Schulhof mit einer alten Remise und einem ehemaligen Klo-H√§uschen sowie einem Garten war vielen nun doch eine Nummer zu gro√ü. Der l√§dierte Zustand verhie√ü zudem viel Arbeit.

Achim (hauptamtlicher Bildungsreferent des BDP-Landesverbandes in Frankfurt) und ich versprachen, uns darum zu k√ľmmern. Achim war vor allem an den neuen M√∂glichkeiten politischer Bildungsarbeit interessiert. Ich plante, im Rahmen eines DJI-Handlungsforschungsprojektes am Beispiel der Anspacher Bildungsst√§tte meine in einem fr√ľheren Forschungsprojekt gewonnenen Hypothesen zu einer im solidarischen Lebenszusammenhang organisierten bed√ľrfnisorientierten Jugendarbeit (vgl. Damm 1980 und 1981) zu konkretisieren und praktisch auszuprobieren. Zudem verf√ľgte ich aufgrund meiner langj√§hrigen Erfahrungen erst als hauptamtlicher Bildungsreferent, dann als ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Hessischen Jugendrings √ľber die n√∂tigen Kenntnisse und Kontakte zu den Institutionen und Personen, mit deren Hilfe der Bildungsst√§tten-Ausbau finanzierbar erschien.

 

Verhandlungen

1979 und 1980 ging es dann zum einen um Vertragsverhandlungen mit der Gemeinde, zum anderen um die Beantragung von Zusch√ľssen, zum dritten um das Gewinnen einer Initiativgruppe, die das Projekt zu tragen bereit war und viertens um den Aufbau einer √∂rtlichen BDP-Jugendarbeit. Denn die Bildungsst√§tte sollte anders als die meisten uns bekannten Tagungsh√§user von Anfang an auch ein regionales Jugendarbeitszentrum werden, also √ľberregionale wie regionale Seminararbeit und √∂rtliche Gruppen- wie offene Jugendarbeit verbinden.

Die Verhandlungen von Seiten der Gemeinde wurden √ľberwiegend vom SPD-B√ľrgermeister und dem Fraktionsvorsitzenden der SPD-Mehrheitsfraktion gef√ľhrt. Sie verliefen in recht freundlicher Atmosph√§re, zumal ich gute Bekannte im B√ľro von Willy Brandt und im Hessischen Sozialministerium veranlasst hatte, durch √∂rtliche „Hintergrundgespr√§che“ unser Vorhaben zu unterst√ľtzen. Auch die CDU-Opposition schien zun√§chst eingebunden, da der Vorsitzende des Jugendzentrumsvereins zugleich jugendpolitischer Sprecher der √∂rtlichen CDU war, die sich zudem von Anfang an gegen eine kommerzielle Nutzung der Schule ausgesprochen hatte. Das allgemeine Einvernehmen endete allerdings j√§h, als Vertreter des Anfang der 70er Jahre aus dem BDP ausgetretene Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) an die Gemeindevertreter eine in einem CSU-nahen Verlag erschienene Schm√§hschrift gegen den BDP verteilten, in dem diesem unterstellt wurde, sich vom Pfadfinderbund in eine ‚Äěrote Zelle‚Äú verwandelt zu haben. Durch offensive Presse- und pers√∂nliche √úberzeugungsarbeit lie√ü sich die Polemik schlie√ülich entkr√§ften. Wirkung zeigte vor allem auch die BDP-Kritik daran, dass die CDU nur aufgrund der oben genannten Schm√§hschrift in Gemeindeparlament und √Ėffentlichkeit gegen den BDP zu Felde gezogen war, ohne diesen selbst zu h√∂ren, sowie der Vorwurf der Parteipolitisierung von Jugendarbeitsanliegen und Verbandsquerelen.

Eines Tages erhielt ich einen Anruf des SPD-Fraktionsvorsitzenden, in dem mir dieser mitteilte, dass der B√ľrgermeister bei ‚Äěeinem Wiesbadener Amt‚Äú Ausk√ľnfte √ľber den BDP eingeholt habe, die ihnen teils problematisch. teils aber auch sympathisch seien, die insgesamt jedoch kein klares Bild erg√§ben. Auf die Frage, ob dieses Wiesbadener Amt vielleicht das Landesamt f√ľr Verfassungsschutz sei, meinte er, das k√∂nne sein, jedoch so genau wisse er das nicht. M√∂glicherweise handelte es sich auch um das Landesjugendamt. Auf jeden Fall sollten Achim und ich einmal zu einem Gespr√§ch mit dem SPD-Fraktionsvorstand kommen, damit der sich eine eigene Meinung bilden k√∂nne.

Wir kamen und wurden u.a. gefragt, ob der BDP vorhabe, in Anspach eine rote Kaderschmiede zu er√∂ffnen u.√§.m. Wir erl√§uterten das BDP-Konzept von Bed√ľrfnisorientierung und Selbstorganisation, und da aufgrund der Vor- und Hintergrundgespr√§che B√ľrgermeister und Fraktionsvorsitzender ohnehin Zutrauen zu uns gefasst hatten, war das Eis bald gebrochen. Der B√ľrgermeister verschwand und holte die Auskunft des „Wiesbadener Amtes“. Sie bestand aus der Kopie eines Artikels aus einem Taschenbuch √ľber Jugendverb√§nde, in dem √ľber den BDP unter anderem berichtet wurde, dass dieser 1971 wegen antiautorit√§rer und sozialistischer Tendenzen aus dem Weltbund der Pfadfinder ausgeschlossen worden sei. Dieser Ausschluss schien den SPD-Gespr√§chspartnern bedenklich. Andererseits k√∂nnten sie ja gegen sozialistische Tendenzen beim BDP nichts einwenden, denn schlie√ülich seien sie ja auch „Sozial-, Sozial-, Sozialdemokraten“, meinte der B√ľrgermeister; Sozialisten mochte er nicht sagen, unterstrich aber die Zugeh√∂rigkeit zur progressiven SPD S√ľdhessens.

Es gab noch eine Reihe solcher Begegnungen der dritten Art auch mit CDU-Vertretern. Verwirrung √ľber die Frage, ob Kauf oder Erbrecht etc. Aber schlie√ülich wurde im Dezember 1980 der Erbbaurechtsvertrag unterschrieben, nachdem das Gemeindeparlament bereits im September 1980 grunds√§tzlich gr√ľnes Licht gegeben hatte – ‚Äěbei nur 2 Gegenstimmen und 2 Enthaltungen… nun auch von der Mehrheit der CDU-Fraktion mitgetragen“. (Taunuszeitung vom 18.9.1980)

Das Beschaffen von Zusch√ľssen war einfacher, insofern ich mich hier auf vertrautem Terrain bewegte. Nach einer Reihe von Vorgespr√§chen mit mir bekannten Vertretern des Hessischen Sozialministeriums und der Stiftung Deutsche Jugendmarke wurden die entsprechenden Mittel im Oktober 1980 beantragt und bereits 2 Monate sp√§ter von Stiftung und Land in Aussicht gestellt. Die einzigen, allerdings sehr folgenreichen Probleme bestanden darin, dass bei Antragstellung bereits klar war, dass die Gesamtkosten viel h√∂her sein w√ľrden als die Mittel, die Land und Stiftung bereitzustellen signalisiert hatten und somit 2 Bauphasen einzuplanen waren. Au√üerdem wurden 20 Prozent Eigenmittel verlangt, die sich auf die stolze Summe von 160.000,- DM beliefen. Da diese nur in Form von Eigenleistungen zu erbringen waren, setzte das umfangreiche ehrenamtliche Arbeit voraus. Das schien uns zun√§chst kein Problem, da wir urspr√ľnglich vorhatten, den gr√∂√üten Teil des Ausbaus per Eigenleistung zu erstellen, wobei sich auch die BDP-Jugendgruppen die Bildungsst√§tte √ľber praktische Beteiligung aneignen und ihre Vorstellungen einbringen sollten.

Bereits Mitte des Jahres 1980 hatten wir zudem im Landesverband entschieden, eine ABM-Stelle und einen Zivildienstleistenden zur Betreuung des Projektes sowie zur Koordination der Eigenleistung bereit- bzw. abzustellen, sodass im Herbst dieses Jahres zwei Vollzeitstellen f√ľr die Bildungsst√§tte zur Verf√ľgung standen. Bei der ABM-Beantragung war etwas schiefgegangen, sodass derjenige, der die Stelle eigentlich erhalten sollte, vom Arbeitsamt nicht zugewiesen wurde. Zuf√§llig befand sich aber unter den vom Arbeitsamt vermittelten Bewerbern Heinz, ein ehemaliger Jugendpfleger, der den BDP bereits kannte und sch√§tzte und sich sofort f√ľr das Bildungsst√§ttenprojekt begeisterte.

 

Erstes Konzept

Das von mir im Antrag an die Stiftung Deutsche Jugendmarke und an das Land Hessen skizzierte Bildungsstättenkonzept sah folgende Elemente vor:

  • Selbstverwaltung der Bildungsst√§tte durch eine Projektgruppe bei gleichzeitiger Integration der Arbeit in den Verband: „Getreu dem Grundsatz maximaler Autonomie aller Projekte im BDP bei gleichzeitiger maximaler kommunikativer und kooperativer Verschr√§nkung mit anderen Arbeitsbereichen des Verbandes werden alle Belange der Bildungsst√§tte organisiert von einer Projektgruppe. die weitgehende Entscheidungsvoll macht besitzt.“ (Antrag 1980, 7)

  • Kapitalneutralisierung: Die Bildungsst√§tte sollte Eigentum des Landesverbandes bleiben und mit allen sonstigen Rechten und Pflichten von der Projektgruppe verwaltet werden.

  • BDP-Kristallisationspunkt: Die Bildungsst√§tte sollte einen Fokus darstellen beim Versuch. Jugendlichen Selbstorganisationsr√§ume und verl√§ssliche Lebenszusammenh√§nge zu erm√∂glichen (vgl. Teil III). In der Abgrenzung zur Kurzzeitp√§dagogik sollte dazu die Bildungsst√§tte „st√§ndiger Kristallisationspunkt“ sein f√ľr – √∂rtliche BDP-Gruppen und das selbstverwaltete Jugendzentrum, – hessische BDP-Gruppen und Initiativen, – BDP-Gruppen aus dem ganzen Bundesgebiet, – deren Teamer und Aktive, sowie sich aus diesem Zusammenhang ergebende politische Bildungsseminare, jugendpolitische Arbeitskreise, Freizeiten, internationale Jugendbegegnungen und Theoriebildung. Zudem sollte das Haus als allgemein zug√§ngliche Belegungsst√§tte auch √ľber den BDP hinaus allen Verb√§nden und Initiativen offen stehen.

  • Ort der Praxisreflexion und Erfahrungsweitergabe: In Kooperation mit meinem DJI-Handlungsforschungs-Projekt sollte sowohl experimentell wie theoretisch an der Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der Jugendarbeit gearbeitet und Ergebnisse sowohl in Form von Publikationen wie Beratungen und Seminaren weitergegeben werden.

  • Bildungsst√§ttenausbau als Lernprozess: Planung und Ausbau sollten nicht ExpertInnen vorbehalten bleiben. Vielmehr sollte es gehen ‚Äězum einem um einen den Anspr√ľchen der zuk√ľnftigen Benutzer gem√§√üen Ausbau in einem Proze√ü dialogischen Lernens, in dem sowohl Architekten und Experten der Projektgruppe von den Jugendlichen, als auch diese von den Experten lernen und sich gegenseitig erg√§nzen“ (Antrag 1980, S.12). Zum anderen sollte es gehen um handwerkliche Qualifizierung, Sensibilisierung „f√ľr Probleme humanen Wohnens sowie f√ľr die von alternativen Technologien“, das „Erproben kollektiver und solidarischer Arbeitsformen‚Äú, sowie darum, ‚ÄěSch√ľlern einen ersten Einblick in die Probleme der Arbeitswelt‚Äú und von am Bau beteiligten selbstverwalteten Betrieben zu geben (ebenda)…

 

Konfliktkonstellation Initiative vs. Verband

Soweit die ersten Vorstellungen. Nun galt es, Leute zu finden, mit denen sie konkretisiert und umgesetzt werden konnten. Dazu sprachen wir eine Gruppe an, die bereits seit einiger Zeit eine Bildungsst√§tte plante und zeitweise an einem solchen Projekt schon mitgearbeitet, sich dann jedoch mit den anderen Initiatoren zerstritten hatte. Sie bestand aus einem Freundeskreis von ca. 12 Personen, vornehmlich Lehrer- und SozialarbeiterInnen. Einige von ihnen waren fr√ľher schon im BDP aktiv gewesen, und so war der Kontakt schnell hergestellt.

Sie hatten bisher √ľber ein ausschlie√ülich auf die Bed√ľrfnisse der Gruppe zugeschnittenes Tagungshaus nachgedacht, das sie mit eigenen Mitteln ausbauen wollten. Als Zielgruppen hatten sie eher Schulklassen und Behinderte im Auge, waren aber gegen√ľber unseren Vorstellungen recht offen und vor allem davon angetan, dass wir bereits ein konkretes Objekt offerieren konnten, das zudem in landschaftlich sch√∂ner Umgebung lag: im Taunus, nicht weit vom Feldberg, in der N√§he von Saalburg (R√∂merkastell), Hessenpark (ein Museumsdorf), einem Waldschwimmbad, mit Ortsrandlage und doch nahe am „Zentrum“ der ca. 3.000 Einwohner z√§hlenden Kerngemeinde.

Nach einigen Treffen, bei denen wir unsere Vorstellungen intensiver austauschten, beschlossen wir, es miteinander zu versuchen. Die Frage war allerdings, auf welcher Basis, denn: „Von der Projektgruppe aus bestehen Bedenken – wenn auch innerhalb der Gruppe unterschiedliche – all ihre Zeit und Arbeitskraft und auch Finanzen einfach in den f√ľr sie relativ anonymen BDP zu werfen; sie kalkulierten dabei die Gefahr einer politischen Ver√§nderung des BDP ein. Wenn mal so was √§hnliches wie damals mit der MLD passieren w√ľrde (ein Unterwanderungsversuch durch eine K-Gruppe, D.D.), k√∂nnte der Einsatz f√ľr die Katz sein … Mit der derzeitigen Arbeitsweise und politischen Richtung des BDP h√§tten sie keine Probleme – allerdings kennen die meisten von ihnen uns kaum! Vom BDP aus bestehen Bedenken, das Ding zu pachten und alle finanziellen und politi-schen Verantwortlichkeiten letztlich zu tragen, aber die Ausf√ľhrung einer nicht ‚kontrollierbaren‘ Projektgruppe zu √ľberlassen. D.h. es sollte eher ein BDP-Projekt sein, das dennoch der Gruppe relative Autonomie einr√§umt …“ (aus Achims Vorlage vom 30.6.1980 f√ľr den BDP-Landesarbeitsausschuss (LAA), das BDP-Entscheidungsgremium auf Landesebene)

Damit war die klassische Problemkonstellation zwischen selbstorganisierter Initiative und Verband formuliert, die meistens auftritt, wenn derart ungleiche Partner kooperieren wollen – den InitiativenvertreterInnen ist der Verband zu wenig transparent und zu wenig von ihnen beeinflussbar; den Verbandsvertreterinnen sind die Initiativen zu wenig einsch√§tzbar und kontrollierbar. Beide Seiten bef√ľrchten, von der jeweils anderen instrumentalisiert zu werden. Initiativen f√ľrchten insbesondere den Verlust ihrer Autonomie, Verb√§nde insbesondere den ihrer Definitionsgewalt sowie √∂konomische und/oder juristische Probleme.

Zur L√∂sung des Problems wurden vor allem institutionelle Strategien vorgeschlagen: ein Kreisverband schlug vor, einen Beirat zu bilden, „in den jede interessierte Ortsgruppe Vertreter schickt“. Weiter wurden erwogen die Bildung eines „eigenen Tr√§gervereins f√ľr das Projekt“, der „parit√§tisch aus BDPIern aus dem Landesverband und aus Leuten der Projektgruppe besetzt ist“, ein Dachverbands-e.V., der aus Projektgruppen-e.V. und Landesverbands-e.V. bestehen sollte, eine √§hnlich zusammengesetzte Stiftung, ein aus Projektgruppen- und BDP-Mitgliedern parit√§tisch besetzter Beirat u.a.m.

Daraus h√§tte man/frau nun m√ľhelos monatelange Satzungs- und Gesch√§ftsordnungsdiskussionen entwickeln k√∂nnen. Diese h√§tten einerseits die Chance zu genauerer Interessenaushandlung geboten, aufgrund der notwendigen Formalisierung in Vereinsrechtsparagraphen andererseits aber auch leicht in endlose Vereinsmeiereien ausarten k√∂nnen, zumal inhaltlich und organisatorisch zu diesem Zeitpunkt noch kaum etwas klar war und √ľber Satzungsdiskussionen auch kaum klarer werden konnte.

Deshalb entschieden wir uns f√ľr eine institutionell abgesicherte kommunikative L√∂sung: Die Projektgruppe erhielt volle Entscheidungsmacht √ľber alle die Bildungsst√§tte betreffenden Fragen. Dabei waren finanzielle und konzeptionelle Grundsatzfragen im LAA r√ľckzukoppeln, der allerdings nicht gegen den Willen der Projektgruppe entscheiden konnte. Praktisch bedeutete das eine st√§ndige Berichtspflicht der Projektgruppe im LAA und in der Verbandszeitschrift.

Die eigentliche Interessenaushandlung war nicht an formelle Gremien, sondern an Mitarbeit in der Projektgruppe gebunden. In dieser wirkten Achim und ich mit, brachten die BDP-Intentionen in die kontinuierliche Projektdiskussion ein und entwickelten sie gemeinsam mit der Projektgruppe weiter. Da hier alle Beschl√ľsse im Konsens gefasst wurden, konnte niemand „√ľberfahren“ werden. Und da andererseits die Projektgruppe Sitz und Stimme im LAA erhielt, der ebenfalls im Konsens entschied, war f√ľr beide Seiten eine gleichberechtigte Kommunikation sichergestellt. Dieses Prinzip der kommunikativen Verkn√ľpfung – von LAA und Projektgruppe schnell akzeptiert – ersparte uns viele Formaldebatten und sicherte f√ľr Jahre ein relativ problernfreies wechselseitiges Verh√§ltnis und erm√∂glichte es, alle Kr√§fte auf die Konkretisierung der inhaltlichen und organisatorischen Projektentwicklung zu konzentrieren.

 

Konfliktkonstellation Planungs- vs. Umsetzungsphase

Um das Bildungsst√§ttenprojekt von Anfang an √∂rtlich zu verankern, entwickelte Achim ab Sommer 1980 eine √∂rtliche BDP-Gruppenarbeit: ‚ÄěErste Aktivit√§ten dieser Gruppe waren eine sehr erfolgreiche Pressekonferenz, mit der einige Steine aus dem Weg zum Vertragsabschluss ger√§umt wurden“ (BDP-HTK-Info 1/1980, 3), die Beteiligung am Landesverbandsfest 1980, ein eigenes Zeltlager, Herausgabe des BDP-HTK-Info oder die Auseinandersetzungen mit Jugendlichen, die „Autoaufkleber wie ‚Foppt Strau√ü‘ oder ‚Atomkraft pfui Deibel‘ abgerissen oder die Reifen der selbigen Autos plattgemacht“ hatten (ebenda). Die Gruppenarbeit lief unabh√§ngig von der Projektgruppe. Jugendliche aus Jugendzentrum und BDP-Gruppe konnten zwar an letzterer teilnehmen, tauchten jedoch nur sporadisch auf, weil die dort anstehenden Probleme und Kommunikationsformen sie wenig ansprachen.

Durch die oben geschilderte Struktur zu flexiblem Handeln befähigt, wurde die Projektgruppe bald um bauerfahrene Mitarbeiter der Arbeiterselbsthilfe (ASH), eines selbstverwalteten Betriebs im Frankfurter Umland, sowie reisende Gesellen erweitert.

Die Konzeptdiskussion trat in der Projektgruppe in den Hintergrund. Im Vordergrund standen nach einer Phase intensiven Kennenlernens und der Motivationsthematisierung bald vor allem bauliche, handwerkliche und auch kalkulatorische Probleme. Eine erste Kostensch√§tzung von den Projektgruppenhandwerkern f√ľr den Umbau lag bei 40.000,– DM, die n√§chste bei 150.000,– DM. Ausgehend von dieser Gr√∂√üenordnung verhandelte ich √ľber Zusch√ľsse im Hessischen Sozialministerium. Dort wurden die Zahlen bel√§chelt und mindestens das Doppelte f√ľr n√∂tig erachtet. Da eine Kostenbeteiligung von 40 Prozent durch das Sozialministerium, 40 Prozent durch die Stiftung Jugendmarke und 20 Prozent durch den BDP vorgesehen war, einigten wir uns darauf, dass das Land 150.000,– DM Zuschuss einplante.

Eine sp√§ter erstellte Architektensch√§tzung ergab Gesamtkosten in H√∂he von 1,2 Millionen DM, was wiederum bei den Projektgruppenhandwerkern gro√üe Belustigung hervorrief, im Sozialministerium jedoch als realistisch angesehen wurde. Der Kalkulationsstreit wurde schlie√ülich dadurch beendet, dass der Vertreter des Sozialministeriums erkl√§rte, zun√§chst maximal 350.000,– DM Zuschuss bereitstellen zu k√∂nnen. Damit war klar, dass f√ľr die erste Baustufe 850.000,– DM veranschlagt werden konnten…

Dieses Beispiel zeigt, dass es recht locker und ambulant zuging in der ersten Phase des Bildungsstättenprojektes. Zwar holten wir die Erfahrungen anderer BDP-Bildungsstätten und autonomer Tagungshäuser ein und konsultierten verschiedene Expertinnen; sich jeweils kollektiv einen Reim auf deren Aussagen zu machen, fiel jedoch zunächst nicht leicht.

Als im September 1980 klar war, dass die Gemeinde dem BDP definitiv den Zuschlag erteilen w√ľrde, begannen Projektgruppenmitglieder, einige R√§ume irrt ersten Stock der Bildungsst√§tte so herzurichten, dass von dort aus mit der Planungsarbeit begonnen werden konnte. Denn es sollte kein von Architekten allein am gr√ľnen Tisch, sondern ein von Projektgruppe und Architekten gemeinsam entworfener Plan werden. Als sich die Projektgruppe zum ersten intensiveren Planungswochenseminar im Dezember 1980 unmittelbar nach Abschluss des Erbbaurechts-Vertrags mit der Gemeinde Neu-Anspach traf, war sie um ca. ein Drittel ihrer Mitglieder geschrumpft.

Denn mit jedem Konkretisierungsschritt des Projekts verstärkten sich die Anforderungen an die Gruppe, waren vielfältige Entscheidungen und Aktivitäten vonnöten, kurz, die Projektarbeit trat von der Utopie- in die Umsetzungsphase ein. Was sich bei vielen anderen von mir begleiteten Projekten in ganz ähnlicher Weise wiederholen sollte, geschah auch hier: die Initiativgruppe schrumpfte.

 

Konkretisierungsplanung

Der Planungsprozess f√ľr die Bildungsst√§tte wurde von zwei mit Projektgruppenmitgliedern befreundeten Architekten angeleitet. die eine zu unserem Vorhaben passende Planungsmethode einbrachten, die sie bei Auslandsaufenthalten in Kalifornien und New Mexico kennengelernt und erprobt hatten. Sie bestand darin, sich in zuk√ľnftige Bildungsst√§ttensituationen hineinzuversetzen und – beispielsweise¬†von der Situation des Ankommens in der Bildungsst√§tte ausgehend – sich die damit verbundenen Gef√ľhle und Bed√ľrfnisse zu vergegenw√§rtigen und unter Einbeziehung von ebenfalls an solchen Situationen orientierten architektonischen Erfahrungen und -grunds√§tzen, sogenannten „pattern“ (s. unten, Alexander 1977) in bauliche Planungs√ľberlegungen zu √ľbersetzen.

Dazu √ľberlegten wir dann zum einen, was alles in der Bildungsst√§tte stattfinden sollte und wie das r√§umlich zuzuordnen war; zum anderen reflektierten wir unsere vielf√§ltigen Erfahrungen mit Seminaren in anderen Bildungsst√§tten und wie diese in der unseren ber√ľcksichtigt werden k√∂nnten. Schlie√ülich stellten wir uns vor, welche Situation f√ľr verschiedene Gruppen von Nutzern entstehen w√ľrden, gingen von Raum zu Raum, von Situation zu Situation, lasen und reÔ¨āektierten die dazu passenden „pattern“ und entwickelten daraus die Umbaupl√§ne. Zu bestimmten Einzelfragen wie z.B. dem behindertengerechten Ausbau holten wir Rollstuhlfahrerlnnen in die Schule und lie√üen uns von ihnen erkl√§ren, worauf es beim Umbau aus ihrer Sicht ank√§me. Dieser Planungsvorgang war au√üerordentlich produktiv, wenn auch sehr zeitintensiv. Er erlaubte es, sowohl eigene Vorerfahrungen aus anderen Bildungsst√§tten, wie Konzeptions√ľberlegungen, Jugendbed√ľrfnisse, architektonische Grunds√§tze etc. vernetzt zu reÔ¨āektieren.

 

Erstes bauliches Konzept

Daraus entstanden dann erste bauliche Vorstellungen: Im ger√§umigen Dachgeschoss waren zwei Wohnungen f√ľr Projektgruppenmitglieder und/oder Zivildienstleistende geplant. Der erste und der zweite Stock sollten zwei separate √úbernachtungstrakte mit Selbstverpflegungsk√ľchen beherbergen.

F√ľr das Erdgeschoss wurden das Bildungsst√§ttenb√ľro, ein Kaminraum, ein gro√üer und ein kleiner Tagungsst√§tten- sowie ein gemeinsam mit dem Jugendzentrum zu nutzender Filmraum vorgesehen. Im Keller verblieb das selbstverwaltete Jugendzentrum. Erdgeschoss und erster Stock sollten behindertengerecht ausgebaut und durch einen Fahrstuhl vom Hof aus zug√§nglich gemacht, das Kaminzimmer mit dem Garten √ľber eine Terrasse verbunden werden. Ein ehemaliges Kloh√§uschen auf dem Hof sollte eine Sauna, der alte Schuppen zur Werkstatt werden. Gedacht war an eine offene Fahrradwerkstatt sowie eine T√∂pferei. Den Asphaltschulhof planten wir zu begr√ľnen, die Au√üengeb√§ude mit der Schule durch eine pflanzenumrankte Pergola zu verbinden. F√ľr Hof, Geb√§ude und Garten sahen wir vielf√§ltige Treppen und M√§uerchen, Veranden und Grill, um eine Hoflinde gewundene Sitzgruppe etc. vor – als B√ľhnen f√ľr Sehen und Gesehenwerden, Jux und Schabernack.

Generell stellte das Planungskonzept darauf ab, R√§ume f√ľr m√∂glichst unterschiedliche Bed√ľrfnisse zu schaffen, Zonen der Ruhe und Zur√ľckgezogenheit, Tobe-R√§ume, √∂ffentliche oder Zwischenzonen etc. Vielfalt war ein Grundprinzip der pattern language, von den R√§umen bis zu den St√ľhlen, z.B.: Leute werden sich dann am wohlsten f√ľhlen, wenn viele von den St√ľhlen unterschiedlich sind, sodass sie zu verschiedenen Temperamenten und Stimmungen, zu Gr√∂√üen und Gestalten passen (Vgl. pattern 251, Alexander 1977). Entsprechend waren f√ľr die Innenausstattung auch m√∂glichst vielf√§ltige Formen von Betten vorgesehen – um den unterschiedlichen Bed√ľrfnissen gerecht zu werden – vom Matratzenlager √ľber breite und schmale, Hoch- und Himmelbetten bis zu Alkoven.

F√ľr den Kaminraum, der eine sehr hohe Decke hatte, war eine zweite Ebene im Gespr√§ch, mit dem Boden durch eine Rutsche verbunden. Heinz brachte verschiedene k√ľnstlerische √úberlegungen ein; so sollte die der Hauptstra√üe zugewandte Hausfassade ein gro√ües k√ľnstlerisch gestaltetes BDP-Emblem zieren. Mir schwebten dar√ľber hinaus allerlei spielerische Elemente vor, wie in die W√§nde eingebaute Springteufelchen, Font√§nen, ‚ÄĚ√Ėko-peep-shows“ etc., damit es f√ľr Kinder und Jugendliche √ľberall etwas zu entdecken gab. Zudem wurde √ľber allerlei Alternativtechnologisches nachgedacht: Sonnenkollektoren und Windrad, Regenwassernutzung und Wintergarten…

Wie lange manche Ideen gärten bzw. ihrer Realisierung harrten, mag das Sonnenkollektorprojekt zeigen: Im Mai 1992 wird eine Kollektoranlage endlich installiert.

Die Planungsphase beinhaltete also wiederum viele Traum- und Utopie-Elemente. die auch recht lustvoll ausgesponnen wurden. Das dauerte und wurde immer wieder durch gruppendynamische Probleme √ľberlagert. Denn es kristallisierten sich langsam drei „Fraktionen“ in der Projektgruppe heraus mit relativ unterschiedlichen Hauptmotiven: eine Gruppe, die an der Bildungsst√§tte vor allem wegen der Jugend- und Bildungsarbeit interessiert war, eine andere, die vor allem handwerkliche Interessen verfolgte und sich √ľber den Ausbau so qualifizieren wollte, dass sie anschlie√üend einen selbstverwalteten Baubetrieb gr√ľnden konnte und eine dritte Fraktion, f√ľr die das Gruppenfeeling von zentraler Bedeutung war.

Er√∂rterte die erste gern Konzepte der Gruppen-, offenen oder Seminararbeit, konnte die zweite stundenlang dar√ľber fachsimpeln, ob Biberschw√§nze oder Schieferziegel aufs Dach sollten, w√§hrend die dritte best√§ndig Beziehungsdiskussionen, gesellige Runden und private Kontakte anmahnte. Zudem dachten Vertreterlnnen aller Fraktionen im Stillen dar√ľber nach, ob die Bildungsst√§tte nicht auch eine langfristige Arbeitsplatzalternative darstellen k√∂nnte. Entsprechend war hinreichend f√ľr Dynamik und Konfliktstoff gesorgt. So kam die Bauplanung wochenlang zum Erliegen, weil Gruppenprobleme bearbeitetet werden mussten, und Achim zog sich anderthalb Jahre aus der Projektgruppe zur√ľck, da ihm diese Dynamik „zu sehr auf den Keks ging“.

Trotzdem wurde im Jahr 1981 vielerlei bewegt und in nun w√∂chentlich stattfindenden Gruppensitzungen koordiniert: Auf dem BDP-Landesverbandsfest pr√§sentierte die Projektgruppe eine Fotodokumentation der bisherigen Planungen und stellte ein Lebkuchenmodell der Bildungsst√§tte mit einem Song vor. In der Bildungsst√§tte wurden mehrere R√§ume provisorisch benutzbar gemacht, und es fanden erste Seminare statt. Im Erdgeschoss wurde ein Raum f√ľr eine √∂rtliche Krabbelstube hergerichtet. Dies entsprach sowohl dem Bed√ľrfnis eines Projektgruppenmitgliedes als auch dem Anspruch der „√Ėffnung zum Dorf‚ÄĚ.

Mit dem M√∂belwagen der ASH wurden daf√ľr alte M√∂bel aus Wiesbaden herbeitransportiert, die uns das Hessische Sozialministerium, das sich neu einrichtete, kostenlos √ľberlie√ü. Es gab einen herben Streit mit der Gemeinde, die entgegen fr√ľherer Absprachen eine riesige Betongarage f√ľr Katastrophenfahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes auf dem Schulhof einrichtete. Ein vom BDP gestellter Antrag auf einstweilige Anordnung eines Baustopps wurde abgewiesen, weil der beauftragte Notar unsere Rechte nicht ins Grundbuch hatte eintragen lassen. Dabei lernten wir viel √ľber d√∂rfliche Strukturen: der B√ľrgermeister war √∂rtlicher, der Notar DRK-Kreisvorsitzender; auch der Vorsitzende des Gemeinde-Bauauschusses war DRK-Mitglied. Mehrere Projektgruppenmitglieder waren so entr√ľstet, dass sie ernsthaft erwogen, das Projekt aufzugeben.

1981 wurde au√üerdem das erste mehrw√∂chige Sommerlager des BDP Hochtaunus organisiert. Heinz‚Äô ABM-Stelle wurde um ein Jahr verl√§ngert, eine zweite ABM-Stelle bewilligt. Zusammen mit einigen fahrenden Gesellen und ASHlern deckte ein Teil der Projektgruppe das Remisendach neu ein, goss in der Remise einen Zementestrich (dies alles als erste gr√∂√üere Eigenleistung zur √úberbr√ľckung der Wartezeit bis zum Umbau) und machte einige Toiletten im Treppenhaus der Alten Schule wieder funktionsf√§hig. Dabei wurden neuerlich die unterschiedlichen Zeit- und Engagementm√∂glichkeiten verschiedener Projektgruppenmitglieder deutlich.

Die Bauplanung wurde in diesem Jahr weitgehend abgeschlossen. Detailarbeiten lagen nun in den H√§nden der Architekten und des Statikers. Letzterer wies nach, dass das Hans eigentlich l√§ngst zusammengefallen sein m√ľsste, denn Lasten des Mansarddachs waren Anfang des Jahrhunderts nicht √ľber die Au√üenw√§nde abgefangen worden, sondern lasteten auf der Geschossdecke… Nun sahen wir es auch, wie sich die Balken bogen… Dies sollte in der Folge umfangreiche zus√§tzliche Sanierungs- und Umbauarbeiten notwendig machen.

Bei der Konkretisierungsplanung, die wegen der √∂ffentlichen Zusch√ľsse mit einem – extrem unÔ¨āexiblen – Staatsbauamt abgestimmt werden musste, wurden zwei Dinge deutlich: zum einen konnte der gr√∂√üte Teil der Bauarbeiten nicht selbst ausgef√ľhrt, sondern musste √∂ffentlich ausgeschrieben werden. Dadurch wurde zum anderen alles viel teurer als urspr√ľnglich kalkuliert. Entsprechend musste auf die Realisierung vieler Pl√§ne zun√§chst verzichtet werden. So wurden z.B. die Sanierung der Fernster, der Umbau des Klo-H√§uschens und der Remise, Wintergarten und Pergola sowie die gesamten Au√üenanlage auf einen sp√§teren zweiten Bauabschnitt verschoben (der bis heute, 1992, leider noch nicht realisiert werden konnte).

Dass es unm√∂glich war, das Haus zum gr√∂√üten Teil in Eigenarbeit zu bauen, stellte eine herbe Entt√§uschung dar, insbesondere f√ľr die Handwerkerfraktion der Projektgruppe. Der Umbau einer anderen hessischen BDP-nahen Bildungsst√§tte wurde √ľbrigens einige Jahre sp√§ter in Eigenarbeit erstellt – ein Ô¨āexibleres Staatsbauamt war daf√ľr zust√§ndig. Beim Nachdenken √ľber Auswege aus dem Dilemma entstand die Idee, eine eigene BauÔ¨Ārma zu gr√ľnden, was auch geschah. Die Entwicklung dieser selbstverwalteten √Ėkotopia-Bau GmbH habe ich an anderer Stelle beschrieben (vgl. Bischoff/Damm 1985).

Anfang 1982 waren vor allem die Architekten, Statiker und Hauptamtlichen mit den Pl√§nen besch√§ftigt, die im Fr√ľhjahr abgegeben wurden und nun den „Marsch durch die Institutionen“ antraten: vom √∂rtlichen Bauamt zum Staatsbauamt, von dort zum Landesjugendamt, dann zum Hessischen Sozialministerium, schlie√ülich zur Stiftung Jugendmarke. Entsprechend kamen die Bewilligungen erst im Herbst 1982, vorher durfte nicht angefangen werden.

In der so verursachten Zwischenzeit zerfiel die Projektgruppe: Die ABM-Hauptamtlichen erledigten die n√∂tigen Formalien, die ohnehin wenig attraktiv waren und bew√§ltigten die groben und kleinen Katastrophen, wie etwa den Ausfall der Heizung im Winter 1981 oder die „SintfIut“ im M√§rz 1982, die das ganze Jugendzentrum unter Wasser setzte, da irgendwer den Hauptwasserhahn aufgedreht hatte… Die Handwerkercrew bereitete ihre aus 8 Leuten bestehende Baufirma vor und war damit voll ausgelastet. Zwei Projektgruppenmitglieder erwarben ein Haus in der Region und bauten dieses aus…

 

Etablierung örtlicher Jugendarbeit

Ich hatte inzwischen beim Bundesminister f√ľr Bildung und Wissenschaft einen Jugendgruppenmodellversuch beantragt, mit dessen Hilfe die M√∂glichkeit der √úbertragung von Ergebnissen meines ersten DJI-Forschungsprojektes (vgl. Damm 1980 und 1981) auf ehrenamtliche Gruppenarbeit in 2 Regionen erprobt werden sollte. Nachdem dieser Modellversuch im Sommer 1982 bewilligt worden war, entschieden wir, einen Projektschwerpunkt in Neu-Anspach anzusiedeln. Achim wechselte daraufhin von der Landesverbandsbildungsreferenten- auf die Modellversuchstelle und baute in Neu-Anspach eine regionale Jugendgruppenarbeit auf. Die Kinder- und Jugendgruppen sowie der Teamer-Arbeitskreis erhielten einen Gruppenraum in der Bildungsst√§tte, in dem sie sich seitdem trafen und in dem die Gruppenarbeit auch nach Auslaufen des Modellversuchs fortgef√ľhrt wurde (zu den Ergebnissen des Modellversuchs vgl. Damm/Schr√∂der 1988, Tips und Theorie aus der Jugendarbeit. Heft 1-5, Schr√∂der 1985, 1986 und 1991).

So entstand bereits relativ fr√ľh neben dem selbstverwalteten Jugendzentrum ein zweiter regionaler Jugendarbeitsschwerpunkt in der Bildungsst√§tte. Die sich hier treffenden festen BDP-Kinder- und Jugendgruppen waren kein Konkurrenzangebot zum Jugendzentrum. Denn zum einen wurden aus modellversuchsbedingten Gr√ľnden nur Jugendliche zwischen 10 und 12 Jahren angesprochen, w√§hrend sich im Jugendzentrum vor allem √§ltere trafen. Zum anderen war geplant, dass die Jugendlichen der Gruppen sp√§ter sowohl die festen Jugendgruppen wie das offene Angebot des Jugendzentrums wahrnehmen k√∂nnen sollten.

Ein dritter kontinuierlicher Jugendarbeitsschwerpunkt auf dem Bildungsst√§ttengel√§nde entwickelte sich bald darauf, als mit dem benachbarten BDP-Kreisverband Main-Taunus (MTK) vereinbart wurde, dass sich dieser den Dachboden der Remise zur Wochenend-„Datschka“ ausbauen durfte.

In einem fr√ľhen Stadium der Bildungsst√§ttenplanung hatte die erste Projektgruppe die Idee entwickelt, dass verschiedene BDP-Regionen Patenschaften f√ľr einzelne Bildungsst√§ttenr√§ume √ľbernehmen k√∂nnten, um dann deren Gestaltung gemeinsam mit der Projektgruppe zu planen, selbst auszubauen und einzurichten. Damit sollte auch nicht aus der Region kommenden Gruppen die Mitgestaltung und Aneignung der Bildungsst√§tte erm√∂glicht sowie sichergestellt werden, dass beim Bildungsst√§ttenausbau von Anfang an die Vorstellungen verschiedener Jugendszenen ber√ľcksichtigt w√ľrden. Au√üerdem sollte damit nat√ľrlich auch zum Erbringen von Eigenleistungen motiviert werden.

Bei der Diskussion dieser Vorstellungen im Verband meldeten verschiedene Gruppen jedoch nicht nur Mitgestaltungs-, sondern auch Okkupationsw√ľnsche an: dass die von ihnen gestalteten R√§ume ausschlie√ülich von ihnen genutzt werden d√ľrften. Da dies sowohl der vorgesehenen Nutzung als offenes Beleghaus wie den Bewilligungsbedingungen der Zuschussgeber widersprach als auch einen √∂konomischen Betrieb der Bildungsst√§tte ausgeschlossen h√§tte, wurde nach einer L√∂sung gesucht, wie zumindest dem Bed√ľrfnis nach einem eigenen, selbstdeÔ¨Ānierbaren Ort der BDP-Gruppen des angrenzenden Landkreises Rechnung getragen werden k√∂nnte. Und da Ausbau- und Nutzungsm√∂glichkeiten f√ľr die Bildungsst√§tten-Remise in weiter Ferne lagen, wurde vereinbart, dass sich der Kreisverband MTK den Remisenboden als Schlafst√§tte und einen anderen Raum der Remise als Aufenthaltsraum, K√ľche etc. ausbauen k√∂nnte.

Zugleich wurde damit die Hoffnung verbunden, die L√∂sung f√ľr einen anderen Zielkonflikt der Bildungsst√§tte zu finden, n√§mlich den zwischen Iangfristigen Belegungszusagen an Fremdbeleger und dem kurzfristigen Planungshorizont von Jugendgruppen. Mit der MTK-Datscha bestand n√§mlich eine M√∂glichkeit, zumindest f√ľr BDP-Gruppen √ľber Absprache mit dem MTK-BDP auch spontane Wegfahrbed√ľrfnisse zu realisieren, ohne allein auf die langfristigen Belegungspl√§ne der Bildungsst√§tte verwiesen zu bleiben.

 

Von der ehrenamtlichen zur professionalisierten Projektgruppe

Anfang 1983 konnte endlich mit den ersten Bauarbeiten begonnen werden. Einen Gro√üteil davon f√ľhrten die Firma √Ėkotopia und ein anderer selbstverwalteter Betrieb durch. Das alte Treppenhaus wurde abgerissen, der Fahrstuhlschacht mit neuem Treppenhaus und neuem Giebel begonnen. Nun trat wieder Handlungsbedarf f√ľr eine Projektgruppe auf, schon weil st√§ndig ‚ÄěBauherren“-Entscheidungen n√∂tig waren. Deshalb lud Achim m√∂gliche Interessentlnnen aus verschiedenen BDP- sowie regionalen Zusammenh√§ngen ein. Zum ersten Treffen fanden sich neben Achim, Heinz und mir ca. 10 BDPler √ľberwiegend aus Frankfurt und Gie√üen ein. Jutta und Berndt kamen √ľber regionale Kontakte hinzu. Mit wenigen Ausnahmen waren die meisten neuen Projektgruppenmitglieder arbeitslos und auf der Suche nach einer Arbeitsplatzperspektive. Dies machte die Projektgruppendiskussion etwas schwierig, da die Bildungsst√§tte auf absehbare Zeit allenfalls ABM- oder projektfinanzierte Stellen erm√∂glichte.

Es begann erneut der bereits oben beschriebene Prozess von utopischer Ideenentwicklung, Konkretisierung, Interessenaushandlung, nur dass nunmehr eine ganze Reihe von Entscheidungen festgeschrieben und von Anfang an viel Konkretes zu tun war. In der Konzeptionsdiskussion wurde jetzt die regionale Jugendarbeit st√§rker betont, zumal das von ca. einem Dutzend Ehrenamtlichen begleitete Jugendarbeitsprojekt mit 5 Jugend- und einer Kindergruppe erfolgreich angelaufen war. Mehrere Projektgruppenmitglieder planten einen Arbeitskreis Geschichte und Zukunft, der alle wichtigen regionalen Ereignisse und Daten dokumentieren und zum einen in Spurensicherungen, zum anderen in √úberlegungen zur Regionalentwicklung und -politik umsetzen wollte. Als weiterer Schwerpunkt kristallisierten sich Multiplikatorenfortbildungen f√ľr BDP-Teamer heraus, ein Jugendarbeits-Archiv sollte eingerichtet, Spiele- und Spurensicherungsfortbildungen durchgef√ľhrt werden.

Zwar diskutierte die Projektgruppe in den n√§chsten Monaten intensiv √ľber die verschiedenen Vorstellungen und Motivationen und entwickelte verschiedene Konzeptionselemente f√ľr die Bildungsst√§ttenarbeit, doch wurde diese Diskussion immer wieder durch Fragen des Bildungsst√§ttenausbaus √ľberlagert. Da musste kurzfristig √ľber Wanddurchbr√ľche, Ausschreibungen, Anfragen der Gemeinde, W√ľnsche des Jugendzentrums, Streitfragen mit dem DRK oder der √Ėkotopia-GmbH, eigene Zivildienststellen f√ľr das Projekt, Selbsthilfe u.v.a.m. entschieden werden. Eigenleistungen mussten erbracht und koordiniert, mitarbeitswillige Jugendliche eingewiesen werden etc.

Entsprechend engagierten sich Projektgruppenmitglieder immer mehr im Ausbau, was jedoch effektiv nur von denjenigen aus der Region geleistet werden konnte. Zumal dann einzelne zuvor arbeitslose Projektgruppenmitglieder woanders eine Stelle erhielten bzw. in der sich konkretisierenden Diskussion feststellten, dass die Bildungsst√§tte keine Arbeitsplatzperspektiven beinhaltete, strukturierte sich die Projektgruppe im Laufe des Jahres 1983 so um, dass am Ende des Jahres vor allem diejenigen √ľbrig blieben oder neu hinzustie√üen, die in der Region wohnten bzw. in die Region ziehen wollten.

Zu letzteren geh√∂rten neben Achim auch Georg und Beate, mit denen ich zusammen die ASH-Lernwerkstatt vorbereitet und ein Handbuch f√ľr selbstorganisierte Ausbildungsinitiativen verfasst hatte (vgl. Damm/M√ľller/Rottmann 1985). Nachdem sich die Perspektive, in der Lernwerkstatt mitzuarbeiten, zerschlagen hatte, wollten sie ihre Erfahrungen im Rahmen einer Beratung von selbstorganisierten Initiativen im Ausbildungs- und Arbeitsbereich nutzen. Und da sie von Frankfurt aufs Land zu ziehen vorhatten, schlug ich vor, die Projektberatung in der Anspacher Bildungsst√§tte anzusiedeln, zumal mir die Verbindung von Jugendarbeit, politischer Bildung, Teamerfortbildung und Projektberatung, die sich ja z.T. per Seminararbeit vollziehen w√ľrde, im Rahmen eines an Selbstorganisationszielen orientierten Bildungsst√§ttenkonzeptes als naheliegend und plausibel vorkam.

Beate und Georg fanden an dieser Idee gleichfalls Gefallen. Denn zum einen schien ihnen die Bildungsst√§tte eine passende Verortung f√ľr ihr Vorhaben, zum anderen versprach die Projektgruppe ein neues soziales Bezugsfeld nach dem geplanten Umzug aufs Land, und zum dritten war ihnen die eigene Erfahrung in einem selbstverwalteten Projekt wichtig f√ľr die geplante Beratung anderer selbstverwalteter Projekte. Zudem bestanden gute Chancen, die beiden Stellen aus dem Landesprogramm zur F√∂rderung von Beratungsstellen f√ľr jugendliche Arbeitslose gef√∂rdert zu bekommen. Dies war auch f√ľr die Bildungsst√§tte besonders interessant, handelte es sich dabei doch faktisch um dauerfinanzierte Stellen, auf die sonst nicht zu hoffen war.

Trotzdem wurde die Idee f√ľr diesen neuen konzeptionellen Bildungsst√§ttenschwerpunkt in der Projektgruppe im Herbst 1983 ziemlich k√ľhl aufgenommen. Zwar mochte niemand gegen die Beratung jugendlicher Arbeitsloser und von Projekten sprechen, Mitarbeitswilligen den Zutritt versagen oder die Aussicht auf dauerfinanzierte Stellen ausschlagen. Aber die Begeisterung hielt sich deutlich in Grenzen.

Dies hatte mehrere Gr√ľnde: zum einen hatten die VertreterInnen von Jugendgruppenarbeit die Bef√ľrchtung, dass durch die Entwicklung neuer Schwerpunkte im BDP die klassischen Jugendverbandsaufgaben zu kurz kommen, Schwerpunktverlagerungen, Verzettelung und Diffusit√§t drohen k√∂nnten. Die VertreterInnen der ‚ÄěBaufraktion‚Äú in der Projektgruppe wiederum hatten wenig Lust, sich auf neue Konzeptdebatten einzulassen, da ihnen die Bauaufgaben bereits √ľber den Kopf wuchsen und sie in deren Meisterung die absolute Priorit√§t dieser Zeit sahen. Die neuen KopfarbeiterInnen mochten ihnen deshalb als wenig hilfreich erscheinen. Einzelne stark beziehungsorientierte Gruppenmitglieder bef√ľrchteten zudem, dass die Gruppe, nachdem sie gerade auf eine √ľberschaubare Gr√∂√üe zusammengeschrumpft war, wieder zu gro√ü und damit f√ľr dichte Beziehungen weniger tragf√§hig werden k√∂nnte.

Schlie√ülich lag im Einbringen von zwei potentiell dauerfinanzierten Stellen durch von au√üen kommende Leute v√∂llig unabh√§ngig von den konkreten Personen eine Art Platzbesetzung und potentielle Usurpation von Langzeitperspektiven vor. Diese musste die Projektgruppenmitglieder, die mit der Bildungsst√§tte eine Arbeitsplatzhoffnung verbanden, jedoch nur √ľber prek√§re Finanzierungen verf√ľgten ‚Äď wie zeitlich befristete Modellprojektmittel, ABM, Ausbauhonorare, Arbeitslosengeld oder -hilfe u.√§. – ausgesprochen oder unausgesprochen kr√§nken.

Der damit verbundene Unmut bei allen Beteiligten konnte bes√§nftigt werden. Die neuen Projektgruppenmitglieder blieben. Es blieben aber auch die genannten Probleme: die potentielle Rivalit√§t zwischen ‚Äěeigentlicher‚Äú Jugendarbeit und von einigen als ‚Äěuneigentlich‚Äú angesehener Projektberatung, die strukturelle Spannung zwischen langfristig abgesicherten und prek√§r finanzierten Projektgruppenmitgliedern, der Konflikt zwischen den Erfordernissen von Ausbau und Organisation der Bildungsst√§tte und der inhaltlichen Arbeit. Schlie√ülich bestand auch der latente Widerspruch zwischen dem Wunsch nach einer vertrauten, emotionale Sicherheit gebenden Gruppe und der durch personelle Fluktuation und Diskontinuit√§t gekennzeichneten Realit√§t.

Die Jahre 1984 und 1985 standen im Zeichen der Professionalisierung und juristischen Verselbst√§ndigung des Projekts: Georg erhielt 1984 doch noch eine EG-finanzierte Stelle bei einem selbstorganisierten Ausbildungsprojekt, war dort aber vorwiegend f√ľr den Erfahrungstransfer und die √ľber dieses Projekt hinausgehende Beratung und Unterst√ľtzung anderer Projekte zust√§ndig, verbrachte jede freie Minute in Neu-Anspach und setzte die Projektberatungst√§tigkeit ab 1985 im Rahmen eines von der Stiftung Deutsche Jugendmarke finanzierten und in der Bildungsst√§tte angesiedelten 3-j√§hrigen Modellversuchs in Neu-Anspach fort.

Die oben genannten 2 Stellen f√ľr eine Beratung von Jugendlichen in Berufsnot wurden ab Mitte 1984 vom Land bezuschusst; nachdem eine erste Konzeption, die vorwiegend Projektberatung vorsah, vom Land Hessen in dieser Form abgelehnt worden war, wurde hier als Beratungsstelle mit den Schwerpunkten Individualberatung, Schulabg√§ngerseminare etc. gearbeitet.

Finanziert √ľber das Landesprogramm zur Versorgung von Altbewerbern mit Lehrstellen fing Jupi im Fr√ľhjahr 1984, angeleitet von Achim, eine Lehre in der Bildungsst√§tte zur B√ľrokauffrau an. Jupi war eine sehr selbst√§ndige, engagierte Jugendliche, die den BDP √ľber eine von dessen regionalpolitischen Aktionen kennengelernt hatte und vom ersten Tag an auch im Team interessiert mitarbeitete. Im Herbst 1984 erhielten Jutta und Heinz ABM-Stellen in der Bildungsst√§tte.

Im Juni 1984 gr√ľndeten Hauptamtliche und verbliebene Ehrenamtliche einen bald darauf als gemeinn√ľtzig anerkannten eingetragenen Verein, dem alle Rechte und Pflichten nun auch juristisch vom BDP-Landesverband √ľbertragen wurden.

Im Fr√ľhjahr 1985 wurden die Bildungsst√§tte als Dienststelle f√ľr zwei Zivildienstleistende anerkannt. Au√üerdem konnte endlich der Umbau eines Belegungsstockwerkes abgeschlossen werden. Mitte 1986 wurde auch das andere Stockwerk fertig. Der Innenausbau wurde weitgehend in Eigenleistung erledigt, und so zog sich die Fertigstellung des letzten Raumes – des Filmsaales – noch bis Ende 1987 hin.

Der √úbergang von einer ehrenamtlichen zu einer √ľberwiegend von Hauptamtlichen definierten Projektgruppe, das schnelle Anwachsen der Hauptamtlichen- und Honorarstellen (von 2 Hauptamtlichen und einer Honorarstelle 1984 auf 6 Hauptamtlichen, 2 Zivildienstleistende, 1 Auszubildende, 1 Praktikanten und 2 Honorarstellen 1985), der gleichzeitige Aufbau mehrerer neuer Arbeitsbereiche parallel zu Bildungsst√§ttenausbau und verst√§rkt beginnendem Belegungsbetrieb und der sukzessiven √úbertragung aller juristischen und vereinsrechtlichen Verbindlichkeiten vom BDP-Landesverband auf einen eigenen Bildungsst√§ttenverein brachte eine Menge an Kl√§rungs-, Strukturierungs- und Konzeptionsbedarf, zumal die Gruppe nicht aus Leuten bestand, die sich lange kannten oder von Anfang an gemeinsame konzeptionelle Vorstellungen entwickelt hatten.

In der Projektgruppenvorlage vom August 1985 wurden z.B. folgende zu klärende Aspekte genannt:

„l. Geschichte des Projektes. 2. heutiger Stand: Arbeitsbereiche, Menschen, Nutzung der Geb√§ude. Selbstverst√§ndnis als selbstverwaltetes Projekt – Entscheidungen etc., Finanzen, einschlie√ülich Haushaltsplanung, Arbeitsbedingungen wie Lohn, Urlaub, Arbeitszeit, Stand des Ausbaus. 3. Verh√§ltnis Alte Schule zu BDP Neu-Anspach (Jugendliche/Ehrenamtler) und BDP Hochtaunus. 4. Verh√§ltnis zum BDP-Landesverband, 5. Verh√§ltnis zum BDP MTK, 6. Verh√§ltnis zu Jugendzentrum Neu-Anspach und Jugendzentren in der Region, 7. Verh√§ltnis zur Gemeinde und zu anderen Gemeinden/Kreis (als politische Verwaltungseinheit), 8. Verh√§ltnis zu politischen Initiativen, Projekten, Kultur und Sport usw. in der Region (Beispiel Eisenbahnaktion/Momo/Friedensinitiativen/Gr√ľne/B√ľrgerinitiativen gegen Stra√üenneubau/Dritte-Welt-Gruppe usw.). 9. Verh√§ltnis zu anderen Bildungsst√§tten, l0.Verh√§ltn√≠s zur gr√ľn-alternativen linken Bewegung in der BRD, 11. …auf der ganzen Welt, 12. Wollen wir gemeinsam selbst modellhaft f√ľr unsere politisch-p√§dagogischen Prinzipien sein – von der Baubiologie √ľber dezentrale Energie und Kompostierung bis zur Ern√§hrung und nat√ľrlich dem zwischenmenschlichen Umgang????‚Äú

 

Personelle und finanzielle Konsolidierung

Waren Mitte der achtziger Jahre sowohl die wichtigsten Ausbaufragen als auch die konzeptionellen Eckpunkte der Arbeit gekl√§rt, so ging es in den folgenden Jahren vor allem um die konzeptionelle, personelle, strukturelle und finanzielle Konsolidierung. Dabei wurde die komplexe Projektstruktur vor allem durch eine verst√§rkte Arbeits- und Zust√§ndigkeitsverteilung handhabbar gemacht. Viele andere Strukturierungs- und gruppendynamischen Probleme erledigten sich dadurch, dass nach Fertigstellung des Baus, dem Auslaufen von Projekt- und ABM-Stellen sich das hauptamtliche Team ab 1988 auf drei Personen (Jupi, Mike und Simone) plus die jeweiligen zwei Zivildienstleistenden reduzierte. Damit konzentrierte sich jedoch auch alle Arbeit auf diese Personen, obwohl Heinz weiter auf ehrenamtlicher Basis die sehr umfangreiche Bauabwicklung und -abrechnung fertigstellte und auch Achim, der sich zwei Jahre lang auf ein Forschungsprojekt zur Jugendarbeit konzentrierte (vgl. Schr√∂der 1991), noch f√ľr viele Fragen zur Verf√ľgung stand.

Insbesondere die prek√§re √Ėkonomie blieb jedoch √ľber Jahre ein strukturell ungel√∂stes Problem. Denn zum einen waren aus der Bauphase √ľber l00.000 DM Schulden √ľbrig geblieben. Zum zweiten zahlte das Land Hessen f√ľr die beiden Jugendb√ľrostellen nur einen Zuschuss von 70.000 DM, sodass bereits aufgrund ungedeckter Personalkosten j√§hrlich 30.000 DM an Eigenmitteln aufzubringen waren, die Sachkosten nicht gerechnet. Zum dritten deckte der Belegungsbetrieb l√§ngst nicht alle fixen Kosten des Hauses, zumal die Jugendarbeit und das Jugendb√ľro noch mitsubventioniert werden mussten.

F√ľr das hauptamtliche Team war diese Situation √§u√üerst belastend, musste doch projektbegleitend st√§ndig Finanzakquisition betrieben und mit leeren Kassen gewirtschaftet werden. Da sich das Team damit √ľberfordert zeigte, befasste sich der ehrenamtliche Vorstand immer st√§rker mit Fragen der Kostenanalyse, Werbungsm√∂glichkeiten f√ľr zus√§tzliche Belegungen und Ideen f√ľr die Geldbeschaffung und √ľbernahm in einer besonders krisenhaften Situation schlie√ülich die volle Finanzverantwortung. Ich hatte bereits fr√ľher zinsg√ľnstige Privatdarlehen zur Zwischenfinanzierung der Bauschulden und Forschungs- und Beratungsauftr√§ge zum Ausgleich des laufenden Defizits besorgt. Gemeinsam mit Mike wurde nun ein kleines Jugendarbeitsprojekt bei der Europ√§ischen Gemeinschaft besorgt, au√üerdem ein F√∂rderverein gegr√ľndet und verst√§rkt bei Kreis und Gemeinde um Unterst√ľtzung geworben. Mit Hilfe von Mitgliedern des F√∂rdervereins wurden Benefizveranstaltungen durchgef√ľhrt oder Bu√ügelder sowie Spenden wie z.B. der Kreissparkasse eingeworben.

Mit solchen und √§hnlichen Ma√ünahmen konnten Jahr f√ľr Jahr der Defizitausgleich sowie Teilr√ľckzahlungen der Bauschulden erreicht werden. Allerdings blieb deutlich, dass Finanzakquisition, Kostensenkungsma√ünahmen, Belegungswerbung, Entwicklung und Beantragung von Modellprojekten, Vorbereitung und Abwicklung des seit Jahren immer wieder verschobenen, aber dringend n√∂tigen zweiten Bauabschnitts und eine ganze Reihe anderer Gesch√§ftsf√ľhrungsaufgaben auf Dauer nicht ehrenamtlich zu organisieren waren. Deshalb waren im Vorstand schon seit l√§ngerem √úberlegungen zur Gr√ľndung einer Stiftung angestellt worden, mit deren Erl√∂sen unter anderem eine Gesch√§ftsf√ľhrungsstelle bezahlt werden sollte, die sich um die genannten Fragen sowie um Perspektivenentwicklung k√ľmmern k√∂nnte.

Ein gl√ľcklicher Zufall bescherte uns schlie√ülich Ende 1990 eine Erbschaft, mit der eine solche Stiftung errichtet und zahlreiche kleinere Zustiftungen angeregt werden konnten – als Grundstock eines Verm√∂gens, dass die dauerhafte Existenz dieses Zentrums f√ľr Jugendarbeit hoffentlich eines Tages abzusichern vermag. Dazu bedarf es allerdings noch einiger kr√§ftiger Zustiftungen, um die auch mit dieser Brosch√ľre geworben werden soll. Mit Blick auf diese Stiftung entschieden sich Ende 1990 Achim und Heinz, die beiden „Dienst√§ltesten“ des Projekts, mit Teilen ihrer Arbeitskraft wieder verst√§rkt im Haus mitzuarbeiten und widmen sich seitdem Gesch√§ftsf√ľhrungs- und Zukunftsaufgaben.

Damit r√ľckt nach √ľber 11 Jahren Arbeit eine strukturelle L√∂sung der beschriebenen Probleme in greifbare N√§he. Dazu tr√§gt auch wesentlich bei, dass das im Oktober 1990 komplett ausgeschiedene Team (Jupi, Mike und Simone) noch zu einer sehr deutlichen Kl√§rung von Verantwortlichkeiten und organisatorischen Rahmenbedingungen beitrug, die dem neuen Team (Achim, Heinz, Roland, Sabine, Ulli) sicher wesentlich zu einer bislang relativ friktionsfreien Fortsetzung der Arbeit verholfen hat.“

Soweit zun√§chst einmal der „Berichtsteil“ aus der oben genannten Brosch√ľre, der dort einen Teil des ca. 30 Seiten umfassenden 1. Abschnitts der insgesamt 86-seitigen Brosch√ľre darstellt. Diethelm geht in seinem Text noch auf Arbeitsschwerpunkte sowie Aspekte der Selbstorganisation und Selbstverwaltung ein. Wer sich daf√ľr interessiert, sei auf die Brosch√ľre verwiesen. Und darauf, dass demn√§chst „Fortsetzung folgt“…